Marktforschung ist das, was man draus macht

Nach mäßigem Mathe-Abitur war mir klar: „Ich studiere nie irgendwas mit Zahlen, schon gar nicht Mathe oder BWL. Ich werde professioneller Sänger und studiere Popmusikdesign in Mannheim.“ Ein Jahr später schrieb ich mich in Pforzheim im Studiengang BWL Markt- und Kommunikationsforschung ein. Was mich erwartete? Das wusste ich selber nicht.

Mein Name ist Jens, ich bin 23 Jahre alt, Student, Praktikant und auf dem Weg Marktforscher zu werden. Mein Traum von der Musik? Geplatzt bevor er begonnen hat. Meine Vorstellung von BWL? Anzugträger, Manager, große Büros, Geschäftsreisen, viel Arbeit und einen Chef, den man nie sieht. Meine Erwartungen an die Marktforschung? Eigentlich keine. Na dann, auf zu neuen Ufern…

In meiner ersten Vorlesung wurde ich von meiner Dekanin gefragt, warum ich mich für Marktforschung entschieden habe. Meine Antwort: „Weil ich eh in Pforzheim wohne und mein anderer Berufswunsch geplatzt ist.“ – Schweigen. Ich war wohl der einzige Jungmarktforscher, der nicht aus voller Überzeugung im Hörsaal saß, oder zumindest der einzige, der dies offen zugab. Wenn man mich heute fragt, gebe ich immer noch die gleiche Antwort, allerdings mit einem Lächeln  auf den Lippen und der Ergänzung: „aber ich bereue es kein Stück. “ Und wenn mich jemand fragt, warum er Marktforscher werden soll, dann kann ich ihm eigentlich nur sagen, dass er das selber herausfinden muss. Ich denke nicht, dass man als Marktforscher geboren wird, dass jemand genau weiß, was sich hinter dem Studiengang verbirgt und schon gar nicht, was einen in der Berufswelt als Marktforscher erwartet. Aber, wer es nie probiert hat, nie versucht hat, es herauszufinden, der kann auch nicht beurteilen, was dort geschieht und wie vielfältig Marktforschung sein kann. Marktforschung ist das, was man draus macht, sage ich immer. Marktforschung ist mehr als Zahlen wälzen, mehr als Regressionsanalysen erstellen und dicke PDF Tabellen durchsuchen, mehr als nur reine Theorie. Und Marktforschung dreht sich vor allem um eins – den Mensch, mit all seinen Eigenschaften, Fähigkeiten und Facetten.

Seit September 2011 bin ich bei Q | Agentur für Forschung, um im Rahmen des Praxissemesters mein Pflichtpraktikum zu absolvieren. Also bin ich doch noch in Mannheim gelandet, nur eben nicht bei der Musik. Dafür wurde aus dem Pflichtpraktikum ganz schnell ein Wunschpraktikum und die Wehmut des Abschieds, der Ende Februar naht, ist schon allgegenwärtig. Die Theorie ist zur Praxis geworden, aber rückblickend kommt es mir eher so vor als habe ich in den bisherigen vier Monaten mehr gelernt als in meinen ganzen ersten vier Semestern. So viel erlebe ich Tag für Tag. Die Marktforschung als trockener Zahlenwahn? Alles andere als das. Jeder Tag überrascht, bringt Neuigkeiten, und die Menschen stehen wie gesagt immer im Mittelpunkt. Die Theorie sieht Menschen als Zielgruppen, doch der Mensch ist nicht nur Zielgruppe, nicht nur Forschungsgegenstand sondern Subjekt, mit all seinen Macken, seinen Meinungen und mit all dem, was einen Menschen eben ausmacht. Und die Marktforschung ist nicht trocken, nicht langweilig und kein reiner Bürojob sondern voller Leben, voller Meinungen, voller Spaß und voller Ideen. Wenn mich die Marktforschung verändert hat, dann mit Sicherheit nur im Positiven und wenn ich etwas für mich aus meinen bisherigen Erfahrungen mit der Marktforschung gewonnen habe, ist es vor allem eins: Offenheit – offen sein für alles und für jeden. Egal, ob offen gegenüber einer Methode oder Herangehensweise oder offen gegenüber einem Interviewpartner, der vielleicht ganz anders ist als ich selbst.

Doch nicht alle Marktforscher scheinen diese Meinung zu teilen. Auf der „Research & Results Messe“ im Oktober 2011 in München traf ich leider auf viele große und kleine Marktforschungsinstitute und –Unternehmen, die wohl eine andere Meinung dazu haben bzw. hatten. Ich war neugierig, wollte mich informieren, hatte Lust die Branche, die Unternehmen und zukünftige Kollegen kennen zu lernen. Alle Kommilitonen, die mitkamen wollten das. Schließlich geht es um das, was man studiert, was einen interessiert, wo man sich einbringen will. Vielleicht nicht morgen, aber in einem, zwei oder drei Jahren. Leider stieß unsere Offenheit allzu oft auf Verschlossenheit, Arroganz, Desinteresse und teilweise Respektlosigkeit. Anstatt sich über das Interesse junger Marktforscher – also künftiger Kollegen oder Auftraggeber (!) – zu freuen, wurden wir von einigen belächelt, ignoriert oder sogar unverschämt behandelt. Unser Mehrwert ist hier wohl nichts mehr wert. Der Mensch im Mittelpunkt? Marktforschung und Offenheit? Kommunikation für ein besseres Miteinander? Wohl nicht überall. Sieht so also die bittere Realität der Marktforschungswelt aus? Ist das mein neues Zuhause?

Marktforschung ist das, was man draus macht. Irgendwie ist es genau das, was mich trotz anfänglicher Zweifel und dieser Erfahrung überzeugt hat, in der Marktforschung Fuß zu fassen. Wenn mich jemand fragt, wo ich mich in 20 Jahren sehe, dann antworte ich immer das Gleiche: Ich weiß es nicht. Ich bin offen für das was kommt. Mit Sicherheit erst mal die Marktforschung und dann wird sich zeigen, wo es mich überall hintreibt. Vielleicht arbeite ich mein ganzes Leben in der Marktforschung, vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon? Mache ich mir über meine berufliche Zukunft Sorgen? Nein, warum auch? Ich bin Realist, ich weiß was ich kann, ich weiß was ich will und ich weiß wie der Arbeitsmarkt aussieht. Ich weiß, dass mir viele großspurige Unternehmen egal sein können, dass ich dankbar für alles bin, was ich lernen darf und dass ich niemandem hinterher rennen muss, der mich belächelt. Ich brauche keine Unmengen an Geld, bin lieber Minimalist als Verschwender und Spaß und Freizeit dürfen nicht zu kurz kommen. Ich weiß, dass es immer weiter geht, trotz Hürden und verschlossenen Türen. Ich glaube immer an das Gute im Menschen, denn es gibt auch immer die Guten, die einem zuhören und Interesse an dem haben, was man sagt, denkt und macht. Die Marktforschung ist für mich eine eigene kleine Welt. Viele in der Community kennen sich, es gibt Marktforscher die man mag, welche die man weniger mag, Marktforscher die geldgierig sind und Marktforscher denen andere Dinge im Leben viel wichtiger sind als Geld. Es gibt Karrieremenschen und es gibt Weltenbummler. Es gibt schwarze Schafe und es gibt Gutmenschen. Es gibt Zahlenjongleure und qualitative Genies und irgendwo in der Mitte steh‘ ich. Jens, 23 Jahre alt, Student, Praktikant, und auf dem Weg Marktforscher zu werden. Ich bin gespannt, was mich noch alles erwarten wird.

Advertisements

Blogpost 1: Die guten Vorsätze verwirklichen – From New Year’s pledge to action

Ende 2011 gab es bei Einigen der social-media affinen Marktforscher einen regen Austausch über die Diskursfreudigkeit der Branche. Einige Marktforschungs-Twitterer einigten sich beispielsweise auf einen gemeinsamen Twitter-Hashtag (#gmrx), um wenigstens hier gemeinsame Präsenz zu zeigen. Daraus entwickelte sich eine Diskussion über gemeinsame Aktivitäten und gegenseitiges Publizieren bzw. Posten. Die beiden Initiatoren von „Foyer für engagierte Marktforschung“ Bettina Wagner und Christian Dössel wiesen (zum Glück) vehement darauf hin, dass sie das „Foyer“ gerade dafür ins Leben gerufen hatten: Austausch, Diskurs, Ideen und Kommenare rund um die Marktforschung.

Außerdem wurde wir eingeladen auf dem „Foyer“ als Gastautoren Posts zu schreiben und diese zu veröffentlichen. Vollmundig versprach ich, dies zu tun. Bisher ist es noch nicht geschehen, aber zumindest hat es etwas bei mir bewirkt und somit ist ein neues Blog entstanden. Diese vorweihnachtliche Diskussion, aber auch die Aktivitäten von Olympimilano, dem regen und unterhaltsamen Austausch mit Alper Aslan und die Beiträge von Florian Tress auf der Forschungsfront und dem ODC-Blog waren extrem motivierend.Sie zeigen für mich, dass es offensichtlich möglich ist, über das Konkurrenzverhältnis unterschiedlicher Firmen und somit Wettbewerber hinaus, sich innerhalb der Branche auszutauschen, zu diskutieren, Ideen zu entwickeln und nicht nur zu nörgeln, sondern selbst aktiv zu werden.

Natürlich reift die Idee ein Blog über Marktforschung, Marketingforschung, Sozialforschung und Social Media Forschung zu machen schon länger. Die Erstellung des sogenannten Mafo-Webs mit den Studenten der FH Pforzheim und in Kooperation mit marktforschung.de, was für einige, aber meines Erachtens nicht überwältigende Resonanz sorgte, war definitiv ein weitere Mosaikstein, der letztendlich zum Q | Blog führte. Ein weiteres Experiment, wir sind gespannt, was daraus wird.

Bevor ich es vergesse, es gab noch einen „Motivator“: Das Marktforschungs-Magazin „research“ hatte Ende 2011 zu einem #MRX Twitter Award aufgerufen und deutschsprachige Twitterer waren nicht einmal auf der Liste der Nominierten. Das sollten wir 2012 ändern!

Autor: Oliver Tabino

—————————————————————————————————————————————————–

At the end of 2011 several Social Media affine market researchers compared notes with each other on the sector’s propensity to debate. Some tweeters agreed on a common hashtag (#gmrx), for example, to demonstrate conjoint presence at least at this point. From this, a discussion evolved dealing with joint activities and mutual publishing and posting, respectively. The two initiators of „Foyer für engagierte Marktforschung“ Bettina Wagner and Christian Dössel vehemently pointed out (thank God they did!) that they had launched the „Foyer“ exactly for these reasons: exchange, discourse, ideas and comments around market research.

In addition, we were invited to write and post as guest authors, and a bit of a mouthful I promised to do so.  Well, I confess I haven’t up to now – but all the same it affected me and a new blog came into existence.  This digital pre-christmas discussion, as well as the activities of Olympimilano, the lively and entertaining exchange with Alper Aslan, and the postings by Florian Tress on Forschungsfront and ODC-Blog have been extremely motivating. All these things show me that it evidently is possible to exchange views and opinions in our line of business in spite of the fact that the companies are in competition to one another, that it is possible to discuss and develop ideas, to refrain from nagging and to actively take action instead.

Of course, the idea to set off a blog about market research, marketing research, social research and Social Media research didn’t appear from nowhere. Our so-called Mafo-Web, which we had compiled with the students of the University of Applied Science Pforzheim and in cooperation with marktforschung.de and which caused a considerable, though not overwhelming stir, definitely represented a further piece of the puzzle eventually leading to the Q | Blog. It’s an experiment, though – and we are very curious about how it will develop.

And before I forget: there was yet another „motivator“.  The market research magazine „research“ appealed for a #MRX Twitter Award at the end of 2011 – and not even one German speaking tweeter made it on the shortlist. That we should change in 2012!

Author: Oliver Tabino