Was tut die Forschung und was darf sie von den Bürgern erwarten? Bleibt auf dem Boden, Kolleg(inn)en!

Am 7.2.2012 erschien in der marktforschung.depesche unter dem Titel „Die verborgenen Kosten monetärer Anreize – lohnt sich Motivierung durch Incentivierung?“ ein Kommentar von Prof. Dr. Jürgen Schupp vom DIW in Berlin. Er beklagt dort, dass die Bürger zunehmend mit Geld zur Teilnahme an Studien bewegt werden. Zuvor, so konstatiert Prof. Schupp, „gab es jahrzehntelang nur ein Dankesschreiben oder ein Lächeln der Interviewer – und trotzdem haben mehr Menschen an Surveys teilgenommen.“

Sinkende Teilnahmebereitschaft beobachtet er in der Sozialforschung und im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), wo sich die Teilnahmebereitschaft in den letzten 30 Jahren halbiert habe. Sinkende Ausschöpfungsraten und Beteiligungsbereitschaft beklagen auch viele quantitative Marktforscher. Mit gutem Grund verweist er auch auf die beträchtlichen Verzerrungsgefahren bezahlter Studienteilnehmer. Soweit so gut.

Schlecht geht es dann bei der Frage weiter, was daraus folgt. Im Grunde nämlich nichts. Professor Schupp belässt es bei Appellen und fordert, dass wir „mit aller Kraft Befragte überzeugen und immer wieder neu darin bestärken (sollten), dass zu guter und aktiver Staatsbürgerschaft einer offenen demokratisch verfassten Gesellschaft auch die Bereitschaft zählt, die Forschung zu unterstützen. Gerade für die öffentlich finanzierte, unabhängige und freie Wissenschaft sollten möglichst viele Menschen persönliche Daten auch künftig unentgeltlich – selbstverständlich in anonymisierter Form – der Forschung zur Verfügung stellen.“ Klar, das machen wir. Es ist nur viel zu wenig, um das Problem zu lösen.

Leider offenbart sein Appell zudem ein Selbstverständnis als Forscher, wie es zwar einige in der Forschergemeinde gerne vor sich hertragen, das deshalb aber nicht richtiger ist. Vor allem ist es der Sache (verbesserte Teilnahmebereitschaft) nicht dienlich.

Der Reihe nach:

  • Professor Schupp nennt die öffentlich finanzierte Wissenschaft frei und unabhängig. Das wollen wir in den Grundzügen ja auch hoffen, denn Forschungsprostitution darf es mit öffentlichen Geldern nun wirklich nicht geben. Insider wissen allerdings, dass die Wirklichkeit der Forschung dieses Ideal tagtäglich biegt, dehnt und löchert. Denn auch öffentliche Auftraggeber nehmen massiv Einfluss und mindern im gleichen Zug die Unabhängigkeit und Freiheit der Institute. Sie definieren das Thema, die Forschungsfragen, bestimmen oft die Methodik mit. Als Auftraggeber ist das ja auch ihr gutes Recht.Behörden und öffentliche Institutionen haben zudem als Auftraggeber ihre eigenen Perspektiven, Interessen und Präferenzen und können a priori weder als Repräsentanten des Gemeinwohls noch als Garanten von Neutralität gelten. Viele (etwa Ministerien der Länder oder des Bundes) sind Institutionen, die politisch gesteuert werden und eine politische Agenda verfolgen, für die Forschung in Auftrag gegeben wird. Das qualifiziert sie keinesfalls ab, ist nicht ehrenrührig, darf nur ebenfalls nicht aus den Augen verloren werden. Professor Schupp weiß das bestimmt und kann darüber sicher viele Geschichten erzählen. Umso merkwürdiger ist es, wenn er ein derart – mit Verlaub – naives Selbstverständnis öffentlich ins Feld führt.
  • Ganz schwierig wird es, wenn wir Professor Schupps staatsbürgerliches Verständnis unter die Lupe nehmen. Da postuliert er, „… dass zu guter und aktiver Staatsbürgerschaft einer offenen demokratisch verfassten Gesellschaft auch die Bereitschaft zählt, die Forschung zu unterstützen.“ Das ist vielleicht seine persönliche Meinung, aber bestimmt keine irgendwo verankerte Pflicht oder auch nur die Meinung einer Mehrheit der Staatsbürger. Nicht mal das Wählen ist eine staatsbürgerliche Pflicht, sondern ein Recht, das man jederzeit auch nicht in Anspruch nehmen kann. Ganz ehrlich, es erfüllt mich geradezu mit Sorge, wenn ein Professor aus einem Institut wie dem DIW seine Rolle und die seiner Arbeit so offensichtlich überhöht. Will er mit diesem Satz ernsthaft selbstbewussten Staatsbürgern gegenüber treten? Und welche Wirkung wird das wohl auf sie haben? Ich jedenfalls würde entschieden widersprechen.
  • Selbst bei rein pragmatischem Hinschauen führt Professor Schupps Appell nirgendwo hin. Versetzen wir uns dafür in die Rolle der Bürger. Wir wissen ziemlich gut, dass viele Bürger nicht mehr an Befragungen teilnehmen, weil sie verdecktes Marketing, Betrug oder Verstöße gegen Datenschutzpflichten befürchten. Skrupellose Call-Center (und ihre beauftragenden Unternehmen) tun das, auch manche angesehene Zeitung und Zeitschrift koppelt Befragungen mit Marketingaktionen. Das hat Ausmaße angenommen, die unsere Akzeptanz als Forscher spürbar und messbar beschädigen. Das ist natürlich ungerecht, denn obwohl wir nicht schuld sind, müssen wir dafür büßen. Nur können wir das Problem deshalb noch lange nicht bei den Bürgern abladen. Denn wie sollen die unterscheiden können, wer die Guten und wer die Bösen sind? Sollen wir sie etwa dazu verdonnern, die Namen aller seriösen Institute zu kennen?
  • Schließlich wird, und zwar für fast alle Befragten undurchschaubar, Forschung auch schlicht und einfach betrieben, damit Auftraggeber bessere Geschäfte machen. Das ist der eigentliche Sinn der Marktforschung und kein Problem. Die Sozialforschung dient oft dazu, dass der Staat seine Interessen (man könnte sagen: seine Geschäfte) besser realisieren kann. Auch das ist legitim, muss aber nicht im Sinne der jeweils Befragten sein. Wieso sollten sie ihre knappe Zeit für die Interes­sen anderer verschenken? Was denken wir eigentlich, wer diese Bürger und Konsumenten sind? Naive Deppen, die froh sind, wenn edle Wissenschaftler aus ihrem Olymp herniedersteigen und sie nach ihrer Meinung fragen?
  • Halten wir an dieser Stelle zudem fest, dass Markt- und Sozialforschung ein Business ist, in dem Wettbewerber um Studienaufträge kämpfen, das von Unter­neh­men und Institutionen betrieben wird, die Aufträge wollen, um Geld zu verdienen, um Angestellte zu bezahlen und Gewinne zu machen. Ja, halten wir ruhig fest, dass viele große Institute globalen Unternehmen gehören, die von ihnen ebenso fette Gewinne erwarten wie von den Werbeagenturen, die ihnen gehören. Keineswegs geht es dort vor allem darum, altruistisch der Wahrheit und der besseren Erkenntnis zum Wohle aller zu dienen.

Um es kurz zu machen: Ich kann sehr gut verstehen, das Menschen sich verweigern, weil sie nicht wissen, ob Anrufer oder Interviewer forschen oder verkaufen, weil sie ihre Zeit nicht opfern wollen, damit die Gewinne eines wildfremden Unternehmen sprudeln oder eine Sozialforschungsstudie gemacht wird, deren Verwendung sie nicht beeinflussen können, die womöglich sogar von einer ihnen nicht genehmen politischen Richtung instrumentalisiert wird. Kein Wunder, dass Bürger dafür kompensiert werden wollen, wenn sie ihre Zeit opfern.

Weniger gut kann ich verstehen, wenn Forscher noch so tun, als seien sie Gralshüter der Wahrheit und dem Gemeinwohl verpflichtet. Ganz im Gegenteil: Markt- und Sozialforscher betreiben ein profanes Dienstleistungsgeschäft. Dass sie ihren Job professionell, seriös und kompetent betreiben, ist dabei wohl selbstverständlich. Eine Verpflichtung für Bürger und Konsumenten erwächst daraus nicht. Dagegen müssen wir Forscher endlich erkennen, dass unsere Reputation gelitten hat, dass es zu viele Trittbrettfahrer gibt, dass vielleicht aus unseren Reihen einige dem Ruf der Branche schaden. Wir sollten deshalb nach innen wie nach außen kämpferisch werden, uns aggressiv gegen die wenden, die die Grundlagen unserer Beziehung zu Bürgern und Konsumenten beschädigen. Unsere Verbände sollten allen den Kampf ansagen, die unter dem Vorwand der Forschung Marketing oder Verkauf betreiben, die Umfragen benutzen, um verkaufbares Adressmaterial zu bekommen und vieles mehr. Wir sollten uns dafür aus dem Fenster hängen, rechtswidrig agierende Call-Center anzeigen, die Verschärfung der Gesetzgebung begrüßen, potenziell schädlichen Aktivitäten in der eigenen Branche entgegen treten, uns in die einschlägigen Debatten außerhalb unserer Branche aktiv einmischen. Ein fast allen Bürgern unbekannter Beschwerderat der Marktforschung oder ein Tag der offenen Tür sind da bestenfalls Tropfen auf den heißen Stein. Bewirken werden sie viel zu wenig.

Damit man mich nicht missversteht: Ich bin selbst Forscher. Ich mache meine Arbeit leidenschaftlich gern. Ich hoffe sehr, dass die Menschen uns weiter ehrliche Antworten geben. Nur sind dafür weder der Beitrag von Professor Schupp noch seine Haltung zum Thema hilfreich. Insbesondere sollten wir aufhören, unsere Rolle und unser Tun moralisch und ethisch zu überhöhen. Stattdessen brauchen wir dringend mehr Realismus: Den Realismus von Dienstleistern, die sich Sorgen um den Ast machen müssen, auf dem sie sitzen und die wissen, wer daran sägt. Einen Realismus, dem bewusst ist, dass Mitmachen nicht selbstverständlich ist und viele Bürger und Konsumenten zu Recht eine Kompensation erwarten. Appellative Larmoyanz ist dagegen weder zeitgemäß, noch aufrichtig oder hilfreich.

Autor: Thomas Perry

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